Donnerstag, 5. Juni 2014
Mein Hochstapler und die Anderen.
Der Hochstapler und die Anderen.

Ich rede ja gern über meine Probleme, also nerve ich nicht nur mein Blog, sondern auch meine Mitmenschen.

So reagiert meine Umwelt:

Die gutgläubigen Ahnungslosen - nicht wahrhaben wollen:
Sie finden weitere Erklärungsversuche für sein Verhalten oder fallen direkt auf seine Techniken rein.
Aber er war doch so nett, Du musst Dich irren.
Vielleicht hat er ja nur / vielleicht will er ja nur / vielleicht irrst Du Dich ja ...
Früher war er sicher besser, aber im Laufe der Jahre ist er eben auf die schiefe Bahn ...
Du findest seine Abschlussarbeit nicht? Die hat er sicher zusammenkopiert und sich dabei helfen lassen.
Hochstapler? Na wir sind doch nicht in Hollywood!
Ein bisschen blenden ist doch erwünscht - die Gesellschaft verlangt das doch von uns.
Das sind also die Ahnungslosen Gutgläubigen, zu denen ich mich seit einigen Wochen nicht mehr zähle.

Die Tröstenden:
Sie nehmen wahr, wie sehr mich das Thema beschäftigt und sagen tröstende Worte wie:
Wir haben auch einen ganz erfahrenen Chef, der schon 70 Leute eingestellt hat, der war neulich auch auf so jemanden reingefallen.
Ja schreib Du mal Deine Kolumne, Schreiben ist immer gut.
Du bist doch gut, dass Du das rausbekommen hast.
Du hast doch alles getan, was nötig war. Nun vergess das mal.
Der Fall ist jetzt in der Hand des Verleihers.

Die Erfahrenen:
Ja, solche Leute sind immer sehr nett. Aber wenn es an die Fakten geht, dann bleibt nichts übrig.
Ja, ich glaube, ich habe solche Leuten schon durch Abschlussprüfungen durchgewunken. Wenn die dann mit der Mitleidsschiene kommen und ich habe doch keine Zeit, das genau abzuprüfen. (Unser Deutsches Hochschulsystem!)
Ja, solche Leute können sich gut darstellen. Dazu hin und wieder mal etwas Arbeit vom Kollegen neu formatieren und als die eigene ausgegeben.
Du bist noch nie so verarscht worden? Da haste bisher echt Glück gehabt. Ich schau mal, ob Du Dich bei nächsten Gelegenheiten anders verhältst.
(Danke, Chef! Ich hatte schon Angst, jetzt schmeisste mich raus, wo ich doch fast mein Jahresgehalt in den Sand gesetzt habe bzw. Lehrgeld gezahlt habe)

Wenn es sich plötzlich gegen mich wendet:
Unser Einkäufer guckt mich an, als wenn ich Prinz Charming nachträglich aus Rache eine reinwürgen will. Dann versucht er doch, mir zu glauben: Woran machen Sie das fest?
Du hättest ihn halt besser einarbeiten müssen.
Du hättest ihn garnicht erst einstellen dürfen, selbst schuld.
Das ganze Projekt war doch von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Was hast Du erwartet?
Weitere Vorbehalte gegen Leiharbeitnehmer - das war mir auch neu, dass es die so massiv gibt!
Die Gesellschaft will es doch so, was regst Du Dich darüber auf?

Die Ich-habe-es-gleich-gemerkt-Reaktion:
Kaum spreche ich es aus, haben es alle schon vor mir bemerkt gehabt, dass die Arbeitsleistung schlecht war, dass man sich mit Prinz Charming nicht über die Arbeit unterhalten konnte ...
Komisch nur, dass keiner was zu mir gesagt hatte. Leute, traut Euch!

Und jetzt zu meinem Anteil an der ganzen Geschichte.
Darum mach ich mir ja den ganzen Aufwand, um daraus zu lernen und rauszufinden, was ich dazu beigetragen habe.
Hier meine Erkenntnisse:
Unerfahrenheit (ja ich bin naiverweise davon ausgegangen, dass alle genauso motiviert sind wie ich)
mangelnde Wachsamkeit (echt nicht mit sowas gerechnet!)
Wunschdenken / eigene Pläne (ich wollte gern mein eigenes Team noch eine Weile behalten, mit dem Weggang von Prinz Charming habe ich auch mein Team verloren)
nicht wahrhaben wollen (der eigenen Wahrnehmung und/oder Intuition nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenken)
schlecht zuhören (selbsterklärend)
sich nicht ausreichend an Fakten orientieren (hätte eben mehr Management by objectives machen müssen)
sich nicht ausreichend Zeit nehmen bzw. diese zu einseitig in gutes Arbeitsklima investieren (fällt unter Unerfahrenheit)
Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen (selbsterklärend)
zu gutmütig (zuviel Gospel-Chor?)
zu offen (hier hat mich mal Prinz Charming kritisiert. Dabei ging es natürlich um seinen Arsch.
Aber ist es eine Schwäche, in einer Führungsposition auch seine Schwächen zu zeigen? Und wie viel davon?)

Was tun, wenn man den Verdacht hat, einem Hochspapler aufgesessen zu sein?
Erstmal zählen nur Fakten, Fakten, Fakten. Die sind bei Prinz Charming dünn.
"Woran machen Sie das fest?" Diese Frage meines Einkäufers ist durchaus nicht leicht zu beantworten. Ich kann es immer noch nicht. Das ist richig viel Arbeit, wenn man es in der Anfangszeit versäumt.
Rechnen Sie mit diversen Widerständen und Gegenwind. Vom Hochstapler und von seinem /Ihrem Umfeld.
Konfrontation ist laut meinen Recherchen wenig sinnvoll, es sei denn, man ist im Team mit mehreren eingeweihten Personen, auf die man sich verlassen kann.
Konfrontation würde auch bedeuten, mit neuen Lügen und ggf. anderen, unangenehmeren Seiten konfrontiert zu werden - können und wollen Sie das riskieren?
Wie harmlos ist Prinz Charming? Ich wage das nicht zu beurteilen. Nur weil ich keine Agressionen beobachten konnte, bin ich hier lieber vorsichtiger und nunmehr wachsamer.
Wann ist das Ganze denn strafbar? Blenden und so-tun-als-ob ist es jedenfalls nicht. Pech gehabt.
Urkundenfälschung, da geht schon eher was. Ich schaffe es immerhin bis zu einer erfolglosen (!) Bibiotheks-Internet-Recherche nach seiner Abschlussarbeit. Aber sicher bin ich nicht.

Überhaupt die Wachsamkeit!
Da steht sie, mittendrin, extra nachgetragen. Das Foto ist von 2011. Damals hatte ich es nicht kapiert, ich erinnere mich noch daran.
Ich hätte es also besser wissen können und sollen, aber jetzt ist die Lektion angekommen.


Sonst noch Tipps, liebe Blogger*innen?

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Mittwoch, 4. Juni 2014
Die Techniken meines Hochstaplers Teil 7
Die Techniken meines Hochstaplers

Teil 7 (letzter Teil): Schauspielern

Die ultimative Show. Prinz Charming schauspielert.

Jetzt ist er nicht mehr in der Denkpause, sondern er redet schnell und gestikuliert. Ich beobachte ihn, zum Teil rückblickend, nur in wenigen Situationen, aber die haben es durchaus in sich.

Situation 1:
Ich erkläre Prinz Charming Einiges über unsere Daten. Am Ende frage ich: War das hilfreich?
Seine Antwort: Auf jeden Fall. ( + gewinnendes Lächeln).
Zwei Wochen später stelle ich fest, dass es nicht hilfreich war, denn er kann sich an die Erklärung anscheinend nicht erinnern.
Ich drehe mich weg und gehe zum Nachbartisch. Prinz Charming beginnt hektisch den Code zu bearbeiten.
Ich sehe ihn aus den Augenwinkeln mit der Maus umherklicken und höre ihn stöhnen.
Man muss dazu wissen, dass Software-Entwickler gelegentlich beim Lesen von Code, insbesondere bei dem schlechten Code anderer Leute, stöhnen.
Ebenso tun wir es, wenn wir grad nicht vorankommen.
Als ich Prinz Charming so stöhnen höre, drehe ich mich noch weiter um, um das Elend nicht mit ansehen zu müssen. Er kriegt es nicht gebacken, denke ich.
Es ist der Tag, in dessen weiteren Verlauf mir klar wird, dass ich mich von ihm trennen muss, weil es ganz und gar zwecklos ist.
Später schleicht sich mir allerdings die Hypothese auf, dass das auch einfach geschauspielert sein könnte.
Als ich mal zum Berliner sagte: Was macht der eigentlich den ganzen Tag, meinte dieser: Na ich habe ihn gelegentlich über den Code schimpfen hören. Ich befürchte also, den Berliner hat er auch ausgetrickst.
Was auch erklären würde, warum Prinz Charming immer wieder im falschen Code-Zweig gelandet ist. Und was ebenso erklärt, warum er mit dem geöffneten Unit-Test dasitzt und wartet, dass ich etwas damit tue, anstatt dass er mir was damit zeigt.
Normalerweise sitzt ja Prinz Charming mit seinen Kopfhörern vor seinem PC und was auch immer er macht, wieviel Zeit auch immer er damit verbringt, sich wirklich mit Software zu beschäftigen, das Ergebnis ist gleich Null.

Situation 2:
Projekt-Abschlussgespräch.
Ich hatte Prinz Charming auf sein Bitten hin vorab versprochen, keine negativen Dinge über ihn zu verlauten. Da mir positive Dinge nicht einfielen und mir da zum ersten Mal der Hochstapler-Verdacht kam, ließ ich mir von Prinz Charming selbst seine Positiv-Liste diktieren. Die auch nicht besonders lang war. Dazu berichtete ich dem Verleiher noch über unsere diversen Schwierigkeiten, soweit sie für das Verleih-Geschäft interessant waren.
Zunächst schrieb der Verleiher eifrig mit, später redete dann noch Prinz Charming. Der Verleiher hatte da sein Buch schon zugeklappt und sich auch nichts mehr notiert. (Vielleicht wusste ja auch der Verleiher etwas mehr, als er zugegeben hatte?) Wie dem auch sei, Prinz Charming zog am Ende noch schnell eine kleine Show ab, um einen guten Eindruck zu schinden.
Er sprach sehr schnell, was ich von ihm garnicht kannte. Klar, kann die Aufregung gewesen sein. Er redete darüber, dass er sich mit seinen Vorstellungen nicht hätte durchsetzen können, wenn er sagte:
"So macht man das heutzutage" und im Team wären sehr erfahrene Programmierer, die das eben anders gelernt hätten. Ich fand die Ausführungen eher schwach, aber warum sollte er nicht seine Chance bekommen, seine Sicht der Dinge darzustellen.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich gerade in der Phase, meinen Hochstapler-Verdacht zu erhärten.
Was ich nicht weiss, ist, wie viel hoch gestapelt wird und was echt ist. Aber die Tatsache, dass Prinz Charming nichts Anderes zu sagen hat, und die Art, wie er offensichtlich versucht, seinen Arsch zu retten, spricht für sich.

Situation 3:
Gespräch beim Niederländer im Büro.
Ich kam dazu, wie sich Prinz Charming und der Niederländer in dessen Büro unterhielten. Prinz Charming redete darüber, dass man das eben heutzutage so mache und nicht wie der Niederländer meint. Es kam mir vor, als hätte er die Szene des Projekt-Abschlussgesprächs nochmal recycelt.
Da ja bereits klar war, dass er bald gehen muss, fand ich das völlig fehl am Platz, jetzt noch solche unnützen Grundsatzdiskussionen zu führen.
Aber der Niederländer ging darauf ein und versuchte zu argumentieren.Ich wahrte gerade noch das Gesicht und die Anstandszeit, bevor ich beide unterbrach. So ließ sich also der Niederländer täuschen.

Hier ein kleiner Einschub, warum ich nicht eingegriffen habe.
Zunächst will man es nicht wahr haben. Dann ist man auch anderweitig beschäftigt und irgendwer muss ja das Projekt voranbringen. Ich habe auch nicht den ganzen Tag Zeit, zu gucken, ob hier vielleicht ein Hochstapler am Werk ist. Dann ist es auch die Verblüffung über so viel Frechheit, oder vielleicht irre ich mich ja doch. Was nicht sein kann, dass nicht sein darf.
Ich bin zu diesem Zeitpunkt ja noch lange nicht so weit wie jetzt, als ich dies hier schreibe. Und ich will ja unbedingt beobachten, wie er mich täuscht. Selbst als ich ziemlich genau merke, was gespielt wird, gelingt es mir nicht besonders gut, Prinz Charming Grenzen zu setzen.

Situation 4:
Gerade erst erkannt, obschon lange her.
Google verrät mir, dass Prinz Charming schon mal bei einem Treffen der Java Unix User Group war. (Auch eine schöne Gelegenheit, Feldstudien über das Verhalten von Unix-Gurus durchzuführen.) Ideologische Debatten über den besten Unix-Editor kann er jedenfalls spielend führen. Und dazu fällt mir tatsächlich eine Episode aus dem letzten Jahr ein.
Wir haben da noch den Ahnüh6, der leider kein Unix kann, ausser es mal im Studium gehört zu haben. Ich saß also bei Ahnüh6 und er öffnete unter unix mit dem Editor vi eine Datei. Der vi (wih-eih gesprochen) ist nicht so ganz leicht zu bedienen. Man darf zunächst erstmal getrost die Maus weglegen, denn mit dem vi wird allein mit Tastatur-Kommandos gearbeitet. Auch zum Seite Umblättern braucht es die Kenntnis einer Tastenkombination. Zwar finde ich es beeindruckend, dass Ahnüh6 versucht hat, sich mit dem vi anzufreunden, aber umblättern kann er nicht. Daher ist es ihm auch entgangen, dass das von ihm geöffnete file nicht auf eine Seite des Fensters passt.
Ich sage: das hat keinen Zweck, jetzt auch noch vi zu lernen, benutze doch einen anderen Editor. Da meldet sich Prinz Charming vom Nachbarplatz und meint: der vi wäre doch kein schlechter Editor.
Ach hätte ich doch Prinz Charming das Keyboard in die Hand gedrückt und ihn gebeten, auf die 2. Seite zu blättern. Naja, vielleicht hätte er das hingekriegt, wer weiss.
Jedenfalls ist diese Situation ein wichtiger Baustein in seinem "Ich bastele mir den Anschein eines Kompetenz-Profils". Ich habe ihn damit als tatsächlich Unix-erfahren in meinem Kopf abgespeichert, im Gegensatz zu Ahnüh6, der es offensichtlich nur auf dem Papier ist.
(Dass Prinz Charming wenig kooperativ ist und den Kollegen nicht hilft, fällt mir später noch im Zusammenhang mit seinen Kopfhöreren auf. Die Kopfhörer kommen erst zum Einsatz, nachdem Ahnüh6 weg ist und der Berliner und Prinz Charming wohl nicht so gut miteinander können, was ich sehr schade finde, aber nicht ausreichend hinterfrage)

In unzähligen Situationen hat Prinz Charming mir und anderen etwas vorgeschauspielert, uns getäuscht und ausgetrickst und manipuliert. Ich denke nur an die Situation mit dem Vorlesen aus der leeren Kladde. Und die sehr schnellen eifrigen Beschwichtigungen, wenn er merkt, es könnte schiefgehen.
Die Standard-Sprüche von ihm, die immer passen. (Mein Lieblingsspruch: Es war nicht umsonst!)
Die Sätze von mir, die er sofort umgedreht und recycelt hat:
Ich: Der Berliner war nach 5 Monaten eingearbeitet. Er: Ich bin jetzt auch soweit.
Ich: Ich glaube, das wird mir nochmal leid tun. Er: Es war die richtige Entscheidung!

Eine offene Frage bleibt:
Was um alles in der Welt hat Prinz Charming den lieben langen Tag versteckt hinter seinen Kopfhörern und seinem Bildschirm getrieben, wenn er uns grad nicht verarscht hat?

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