Sonntag, 18. April 2010
Energie zu lernen
Wie versprochen hier nun der 3. Teil des Konferenzberichts.

Wie ich festgestellt habe, ging es in der mehrzahl der Beiträge garnicht direkt um fachliche Themen, sondern ganz oft um lernen. Darum, selbst besser zu werden und sich immer wieder den neuen Herausforderungen stellen. Und darum, besser zu kommunizieren, um besser im Team arbeiten zu können. Interessanterweise sind das wesentliche Themen, mit denen ich mich selbst in der letzten Zeit viel beschäftigt habe.

Ein Sprecher war ziemlich clever. Er wurde vor 2 Jahren vom Entwickler zum Chef der Qualitätssicherung befördert und war in diesem Job gerade ziemlich frustiert. So hat er also seine Geschichte erzählt und darum gebeten, Tipps und Hinweise zu bekommen. Und das hat ziemlich gut funktioniert. Hatte ich schon erwähnt, dass die Teilnehmer ziemlich viel diskutieren und interagieren bei den Vorträgen? So kamen ziemlich viele gute Ratschläge zusammen. Einige davon hat er an ein Flipchart geschrieben und sich dann ziemlich sicher mit nach Hause genommen. Das erspart ihm doch den Gang zur Selbsthilfegruppe.

Die Firma, in der er arbeitet, war gerade dabei, die magische Größe von 150 Personen zu überschreiten. Größere Unternehmen müssen anders funktionieren als kleinere. Der Grund ist ziemlich simpel: Bei 150 Leuten schafft es niemand mehr, alle zu kennen. Damit wird die
Kommunikation schlechter. Bzw. es braucht neue Kommunikations-Strategien. Normalerweise werden dann mehr Meetings durchgeführt und mehr Regeln aufgestellt. Ideen in dem Zusammenhang: Regeln brauchen Erklärung, warum sie aufgestellt wurden. Regeln müssen regelmäßig auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden. Besser Richtlinien, noch besser als Erwartungen formulieren. Also statt der Regel deren Zweck postulieren. Und dann gab es noch ganz viele Ideen, wie man seinen Chef erzieht. Das wurde diplomatischer als "mentor the boss" umschrieben. Zeige dem Boss, welche Konsequenzen seine Entscheidungen haben. Zeige dem Boss, wie die Firma WIRKLICH funktioniert, indem er einige Zeit in jeder Abteilung verbringt. Naja und die Meetings sind ja auch ein offensichtlich weltweit ungelöstes Problem. Die SCRUM-Leute machen täglich 10minütige Besprechungen im Stehen, dazu dann sowas wie monatliche größere Meetings UND sie kommunizieren zwischendrin einfach so. Ich wiederhole mich, die ganze Konferenz ging im wesentlichen um Menschen und kommunizieren von Menschen.

Oxford gilt als das Silicon Valley Englands, ich zitiere meinen Kollegen. Ach darum ist der große Antivirenhersteller so??os mit so einem großen Gebäude hier! ACCU hat nach London die meisten Mitglieder in Oxford (60). Trotzdem sind die regionalen Treffen eingeschlafen, sollen aber jetzt wiederbelebt werden. Irgendwie kommen mir auch diese Probleme bekannt vor. Werd mich mal auf die Mailingliste setzen und abwarten. Immerhin habe ich die Mitgliederversammlung überstanden, ohne einen Posten abzubekommen. Die waren auch zu schnell mit ihrem Englisch. Ich war schon froh, wenn ich wusste, wann ich die Hand heben musste. Nach 5 Tagen war mein Geist deutlich ermattet und das Englisch ging zunehmend in Rauschen über. Soviel hatten sie nun auch wieder nicht getrunken und ich bin ja Auto gefahren und war ausgeschlafen.

Heute, am Sonntag, liege ich faul im Gras. Die Sonne brutzelt, so dass ich kaum das Display erkennen kann. Der Pool liegt ohne Folie da, aber das Wasser ist grün und noch SEHR kalt. Und ich lese schon wieder das nächste Buch, dass ich bei dem Charity-Verkauf mitgenommen habe. Es ist über Einfachheit. Simplicity. Geschrieben von einem MIT-Professor in Design, John Maeda. Der hat nach 10 Jahren Professordasein ein Studium als MBA <(Master of Business Administration) angefangen und beschreibt, wie gut ihm das getan hat, mal wieder aus der Studenten-Perspektive das Lernen zu sehen und davon auch für sein Professor-Leben profitiert hat. Hier seine goldenen Lern-Regeln (gar nicht so leicht zu übersetzen):
Basics are the beginning - Grundlagen sind der Anfang
Repeat yourself often - wiederhole oft (üben üben üben)
Avoid creating desperation - vermeide es, Verzweiflung zu erzeugen (wohlgemerkt, selbsterzeugte Verzweiflung beim Versuch zu lernen)
Inspire with examples - inspiriere Dich mit Beispielen
Never forget to repeat yourself - vergiss nicht, zu wiederholen
Auch "BRAIN" abgekürzt.

Ich wollte noch etwas über Energie schreiben, auch gelernt von einem der beeindruckendsten Sprecher. Er sagte, dass er vor dem Vortrag immer furchtbar nervös ist und dann versucht, die ganze Energie zu sammeln und in den Vortrag zu stecken und dort als positive Energie dem Publikum zurückzugeben. So einfach kann das sein.

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Sonntag, 18. April 2010
vulkanische Energie
Die Konferenz ist aus. Alle Sprecher fahren nach Haus. Alle Sprecher? Nein! Ein kleiner irdischer Kontinent ist von einer Aschwolke verhüllt, wegen der alle Rückflüge gestrichen wurden. Damit sitzen alle fliegenden Sprecher fest. So bilden sich ganz neue Überlebensstrategien heraus:

Wie lange kann ein professioneller Programmierer in der Hotellobby überleben? Eine Fahrgemeinschaft bilden und mit der Fähre reisen? Mit dem Zug? Hoffen, dass es in den nächsten Tagen besser wird? Wenn wir schonmal da sind, laßt uns eine Open Space Konferenz organisieren.

Was ist das denn schon wieder? Hier das Zitat von Wikipedia: "Open Space (englisch für „geöffneter“, „offener“ oder auch „weiter Raum“) oder Open Space Technology ist eine Methode zur Strukturierung von Besprechungen und Konferenzen. Sie eignet sich für Gruppen von etwa zwölf bis 2000 Teilnehmern. Charakteristisch ist die inhaltliche und formale Offenheit: Die Teilnehmer geben eigene Themen ins Plenum und gestalten dazu je eine Arbeitsgruppe. In dieser werden mögliche Projekte erarbeitet. Die Ergebnisse werden am Schluss gesammelt. Wichtig ist, wenn der Open Space in geschlossenen Organisationen stattfindet, dass eine die Umsetzung von entstehenden Projektideen fördernde Infrastruktur bereitgestellt wird, denn Open Space kann in kurzer Zeit eine große Vielfalt von konkreten Maßnahmen produzieren."

Also wenn die coolen Typen das bis Dienstag in London hinbekommen, muss ich wohl noch ein wenig Urlaub nehmen, um dabei zu sein. Ich will auch so ein cooler Typ sein! Und hier sind sie, die coolen Typen:

Hier sitzen sie alle auf dem Rasen. Die IT-bestseller-autoren gemeinsam mit den Novizen.

Aber ich habe noch mehr gelernt. Erstmal die kleinen Herausforderungen (Challenges) meistern: Die 4. Ausfahrt bei einem Kreisverkehr mit 6 (!) Ausfahrten schaffen. Schon beim 2. Mal hat es auf Anhieb geklappt, wenn auch mit etwas Schweiß, aber beim 4. Mal war es schon ganz leicht. Seht Ihr? der Mensch wächst mit seinen Herausforderungen. Und sein Selbstvertrauen wächst, weitere Herausforderungen meistern zu können.

Was ist ein Lightning talk? Das ist ein abendlicher 5-Minuten-Vortrag nach dem offiziellen Programm über etwas Interessantes oder Spannendes oder Lustiges oder ... Der Lightning talk soll also Erleuchtung bringen oder einfach nur entspannen und hat beim ACCU Tradition.

die Erleuchtung

Was ist ein Volcano-talk? Das ist ein Vortrag, der aufgrund des Vulkanausbruchs spontan entstand, um eine Lücke zu füllen für die Vortragenden, die keinen Flug auf den kleinsten irdischen Kontinent abbekommen haben.

Und dann das Konferenz-Dinner! Nein, nicht Konferenz-Dinner, sondern Speakers-Dinner. Die Speaker müssen sich über alle Tische verteilen und die nicht-Speaker müssen nach jedem Gang den Tisch wechseln, damit alle mal die Chance haben, mit ihren Lieblings-Sprechern zu dinieren. Die spinnen, die Programmierer!

Damit der Spass nicht zu kurz kommt, wurde spontan eine Wette abgeschlossen über das Geburtstagsproblem. Das Geburstagsproblem berechnet die Wahrscheinlichkeit, mit der 2 Personen im gleichen Raum am gleichen Tag Geburtstag haben. Dazu wurden dann auch gleich einige Tests geliefert: Wenn sich nur eine Person im Raum befindet, ist die Wahrscheinlichkeit 0. Bei 366 Personen (vergesst für den Moment das Schaltjahrproblem) 1. Bei 1 Person etwas über 0, bei 365 etwas kleiner 1.
Das c-Programm, was die Lösung versuchte numerisch mit IEEE floating point numbers zu errechnen, bestand einige der Tests nicht. Die Wette galt: Das Programm so zu schreiben, dass es die Tests besteht. Am nächsten Tag wurde das Programm so umgefummelt, dass es die Tests bestand, aber trotzdem verkehrt war. Die verwetteten 20 Pfund gingen übrigens an eine Charity-Organisation. Am letzten Tag gab es dann noch 2 drauf: Der passionierte Tester zeigte, dass bei diesen Tests nur Stümper am Werk gewesen sein können. Was, wenn die Personen lügen? Was, wenn sie verschiedene Datums-Formate verwenden? Verschiedene Zeitzonen? Und: ja, es gab dann auch eine Lösung dieses Problems in Clojure (Lisp-Dialekt auf der Java Virtual Machine), die viel kürzer und eleganter war, mit viel besseren Tests und deren Ergebnis stimmte. Der Autor beanspruchte für sich 2*20Pfund. Sweet Charity.

Fortsetzung folgt.

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